Während in Deutschland erbittert über Wärmepumpen, Öl und Gas gestritten wird, steht in Ingolstadt ein Haus, das diese Debatte fast beiläufig kontert: Es kommt nahezu ohne Heizung aus. Statt auf Technik setzt das Mehrfamilienhaus ohne klassische Heizung auf ein Prinzip, das so alt ist wie das Bauen selbst: die intelligente Nutzung von Sonnenenergie, Speichermasse und Abwärme.
Technisch begleitet hat den Bau des Hauses (fast) ohne Heizung Jörg Koch, Technischer Projektleiter bei der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) Ingolstadt. Sein Befund ist ebenso nüchtern wie verblüffend: „Wir haben hier keine konventionelle Heizanlage, eigentlich gar keine Heizanlage, sondern nur ein sogenanntes Backup-System.“ Unter dem Fußboden liegt ein schmales Heizpapier, das mit Strom betrieben wird. „Es springt nur an, wenn es wirklich nötig wird.“
Rückbesinnung auf die Grundregeln der Baukunst
Der eigentliche Schlüssel liegt im physikalischen Konzept des Hauses. Architekt Chris Neuburger, nbundm* Architekten, hat das Konzept mitentwickelt und beschreibt es als Rückgriff auf bewährte Prinzipien: „Die Wärme kommt vor allem von der Sonne, die ins Gebäude einfällt, und wird in den Wänden und Decken gespeichert.“ Massive Bauteile fungieren als Wärmespeicher, geben Energie zeitverzögert wieder ab und sorgen so für stabile Temperaturen. Unterstützt wird das System durch alltägliche Wärmequellen: Elektrogeräte und sogar die Bewohner selbst. „Wenn da fünf Menschen in einer Wohnung leben, geben diese ja auch eine gewisse Grundwärme ab“, so Neuburger. Das Ergebnis ist bemerkenswert konstant: Temperaturen zwischen 22 und 26 Grad – ganz ohne klassische Heizung. Ergänzt wird das Konzept durch automatisch gesteuerte Fensterklappen, die bei schlechter Luftqualität öffnen und so für Frischluft sorgen, ohne unnötig Wärme zu verlieren.
Leuchtturmprojekt für einfaches Bauen
Warum solche Gebäude (fast) ohne Heizung dennoch selten sind, hat laut Neuburger weniger technische als mentale Gründe: „Vielleicht ist einfach die Angst immer noch zu groß, etwas falsch machen zu können.“ Abweichungen von Normen und gewohnten Standards erzeugten Unsicherheit – obwohl das Prinzip selbst alles andere als neu sei. Auch wirtschaftlich will das Haus ein Gegenmodell sein: „Wir sind bei Erstellungskosten von nur 2.950 Euro brutto pro Quadratmeter Wohnfläche.“ Zum Vergleich: Bei ähnlichen zwei Gebäuden liegen die Baukosten pro Quadratmeter zwischen 3.200 und 3.700 Euro. Möglich wurde das, sagt Jörg Koch, weil man teure Standards konsequent hinterfragt hat. Verzicht bedeutet hier jedoch keinen Qualitätsverlust. Im Gegenteil: „Wir haben ein robustes Gebäude, das sich von dem Üblichen positiv abhebt.“
Gebaut zum Vorteil von Mieterinnen und Mietern
Dass das Projekt überhaupt gebaut wurde, hat auch mit Mut auf Bauherrenseite zu tun. GWG-Geschäftsführer Alexander Bendzko erinnert sich an einen Bericht über ein Bürogebäude ohne Heizung – und an eine spontane Entscheidung: „Da haben wir uns gedacht: Mensch, so was möchten wir jetzt auch mal bauen.“ Heute verbindet sich dieser Mut mit einem sozialen Anspruch. Und in Zeiten stark steigender Energiepreise – allein in den letzten Jahren um rund 65 Prozent – wird das Konzept auch sozialpolitisch relevant. Die Wohnungen sind zudem gefördert. Alexander Bendzko: „Unsere Mieterinnen und Mieter zahlen hier zwischen 6,60 Euro und 8 Euro – bei einer Nettokaltmiete von normalerweise 13,50 Euro.“
Das Haus in Ingolstadt ist damit nicht nur ein Experiment für Technikbegeisterte, sondern ein ernst zu nehmender Vorschlag, wie klimagerechtes und bezahlbares Wohnen zusammengehen könnten. Vielleicht liegt genau darin das wirklich Spektakuläre dieses Gebäudes: Es will nicht zeigen, wie futuristisch Wohnen werden kann. Es zeigt, wie viel möglich ist, wenn man Bekanntes neu zusammensetzt – Sonne, Masse, Material, Maß. Und ein wenig Mut.