Was, wenn nur die Alten bleiben?

Wo einst fast 20.000 Menschen lebten, sind es heute noch rund 8.000: Herrenberg, ein Stadtteil von Erfurt, steht beispielhaft für eine Entwicklung, die an vielen Orten in Deutschland passiert: Sie schrumpfen und gleichzeitig verschiebt sich ihre Altersstruktur. Viele junge Menschen zieht es in Großstädte, während die Älteren bleiben oder vom Land in die Stadt ziehen. Genau hier setzt die WBG Einheit an – mit einem „Lotsensystem“ hilft die Wohnungsbaugenossenschaft Mieterinnen und Mietern, ihre Lebenssituationen zu meistern und miteinander in Kontakt zu bleiben.

Hilfe beginnt mit einem Gespräch

Sylvio Böhm ist der „Einsamkeitslotse“ der WBG Einheit. Er unterstützt Bewohnerinnen und Bewohner, die ihren Alltag oft allein bewältigen müssen – doch nicht nur das. Neben älteren Menschen unterstützt Böhm auch psychisch Erkrankte, suchtkranke und verwahrloste Mieter – und er ist Ansprechpartner bei Konflikten zwischen Mietern. Das klingt nach vielen Baustellen, und genau dies spiegelt die Realität: In keinem Quartier lässt sich das Leben sauber in Zuständigkeiten sortieren.

Das Ziel seiner Arbeit? „Gerade was die älteren Menschen betrifft versuchen wir, dass diese so lange wie möglich weitestgehend selbstbestimmt in ihren Wohnungen verbleiben können.“ Niemand solle „wegen irgendwelcher Einschränkungen – die vielleicht noch nicht mal dramatisch sind – in ein Altersheim abgeschoben werden“. Was älteren Menschen am meisten fehlt? Böhm antwortet ohne Umweg: „Eine Unterhaltung, ein gutes Gespräch.“ Dann erzählt er von Menschen, die nach einer Woche ohne Besuch Angst haben, „das Sprechen zu verlernen, weil sie eine Woche keinen Wortwechsel hatten“.

Das ist der Moment, in dem Einsamkeit ihre abstrakte Hülle verliert. Sie ist keine Statistik und kein Schlagwort – sie sitzt am Küchentisch. Und sie verfestigt sich mit jedem Tag – wenn nicht Silvio Böhm klingelt. Auch deshalb folgt Böhms Arbeit keinem starren Kalender. „Keinen Tag, den ich im Vorfeld schon erahne“, sagt er. Fälle werden ihm zugetragen, Termine kommen hinzu, vieles entsteht spontan. Gerade in der Flexibilität der Lotsinnen und Lotsen der WBG Einheit liegt die Stärke des Angebots: Es beginnt dort, wo Menschen wohnen und leben. Und oft beginnt es mit einem Gespräch.

Aus einer Idee wird ein Netzwerk

Christian Büttner, Vorstandsvorsitzender der WBG Einheit, erinnert sich an die Anfänge vor über zehn Jahren. Zunächst wurde eine einzelne Stelle geschaffen, die Silvio Böhm übernahm. Die Aufgabe „explodierte“ innerhalb weniger Tage, berichtet Büttner – mit neuen Fällen, Ideen und Bedarfen. Heute gibt es neben Silvio Böhm fünf weitere Mitarbeitende: einen Soziallotsen, einen Genossenschaftslotsen, einen Empfangslotsen, einen Heimat- und Kulturlotsen sowie einen Kinder- und Jugendlotsen.

„Wenn Menschen den Anschluss verlieren, leidet nicht nur der Einzelne. Dann leidet das Umfeld, das ganze soziale Miteinander,“ erklärt Büttner. Deshalb gehe das Lotsensystem aktiv nach draußen. Die Botschaft: „Es gibt hier Hilfe. Ihr müsst sie nur nutzen.“

Die Wohnungsbaugenossenschaft Einheit versteht ihr Engagement als Teil ihres Auftrags. Büttner sagt: „Weil wir einfach auch moralisch, menschlich und humanistisch denkend verpflichtet sind.“ Das ist ein klarer Standpunkt. Zugleich darf die Verantwortung nicht allein bei den Vermietern landen. Büttner fordert von der Politik, die Wohnungswirtschaft und die Menschen in den Quartieren ernster zu nehmen. Vor allem müsse Bürokratie abgebaut werden. „Wir müssen viel stärker gemeinschaftlich denken und viel stärker den gesunden Menschenverstand wieder einschalten.“

Wer lange bleibt, kann Vertrauen aufbauen

Dass ein Lotsensystem auch aus der Sicht der Wissenschaft ein erfolgreicher Ansatz ist, bestätigt Prof. Dr. Torsten Bölting vom InWIS Institut. Das „Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung“ in Bochum erforscht seit über 30 Jahren die Entwicklung von Wohnquartieren, den sozialen Wandel sowie wohnungswirtschaftliche Trends.

Prof. Dr. Torsten Bölting ist sicher: Bei der Lösung von Problemen, die in Quartieren entstehen können, sei die sozial-orientierte Wohnungswirtschaft ein wichtiger Partner. In vielen Quartieren kommt es zu Überforderung. Armut, Bildungsfragen, Integration, gesundheitliche Probleme und Einsamkeit können zusammenwirken. „Schwierig wird es immer dann, wenn diese Dinge zusammenkommen“, sagt Bölting. Ein Lotsenprogramm könne darauf vor Ort reagieren. Es nehme die Probleme ernst und biete „Hilfe im Alltag, ganz niederschwellig“ an. Entscheidend sei dabei eine besondere Nähe: Wohnungsunternehmen blieben oft über Jahrzehnte mit den Menschen verbunden. Gerade Genossenschaften hätten langfristige Beziehungen. „Ich habe einen Ansprechpartner, eine vertrauensvolle Beziehung“, sagt Bölting. Das sei „ein großes Pfund“ – und mache Wohnungsunternehmen zu wichtigen Partnern im Kampf gegen Probleme wie Einsamkeit im Alter.

Wohnen ist mehr als vier Wände

Das Lotsensystem in Erfurt zeigt, was auf Quartiersebene möglich ist: Ein Unternehmen erkennt soziale Veränderungen, baut ein Angebot auf und geht damit zu den Menschen. Das Engagement der WBG Einheit ist damit auch ein gutes Beispiel für verantwortungsvolles, sozialorientiertes Vermieten. Die Genossenschaft macht deutlich: Eine Wohnung ist nicht bloß Grundriss, Mietvertrag und Nebenkostenabrechnung. Sie ist ein Schutzraum und der Ort, an dem Selbstständigkeit bewahrt werden kann – wenn rechtzeitig jemand hinschaut.