Problembezirk, sozialer Brennpunkt oder schlicht „der Graben“: Der Schelmengraben in Wiesbaden-Dotzheim galt lange als schwieriges Quartier. Doch das Viertel, das für über 6.500 Menschen aus Dutzenden Nationen Heimat ist, hat die Abwärtsspirale durchbrochen – dank intensiver Quartiersarbeit, einer Neugestaltung der öffentlichen Räume und Sanierungsprojekten der GWH Wohnungsgesellschaft mbH Hessen. Sie ist Vermieterin von rund 2.150 Wohnungen im Quartier.
Erster wichtiger Baustein für den Wandel war die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner. Als im Viertel nachverdichtet werden sollte, unterstützten Politik und Wohnungswirtschaft die Gründung eines Quartiersrats, der bis heute die Entwicklung im Schelmengraben prägt. Die Themen: Wohnumfeld, Verkehrssicherheit, soziale Angebote. „Es ist ein schönes Gremium, über das Bewohnerinnen und Bewohner ihre Anliegen vorbringen können und gehört werden“, ergänzt Lisa Martin, Vertreterin des Quartiersrats.
Der Rat fungiert als Bindeglied zwischen Bewohnerschaft, Stadtverwaltung, Politik und der GWH. Zudem gibt es einen Schreib- und Leseservice, ein buntes Veranstaltungsprogramm – und Bewohner, die selbst als Multiplikatoren wirken. Das Erfolgsrezept gegen kulturelle Distanz und für Zusammenhalt? Lisa Martin: „Persönliche Ansprache. Das ist das A und O.“
Beton, Bänke, Begegnung – Bauplan für ein soziales Miteinander
Der zweite wichtige Baustein für den Aufwärtstrend? Verantwortungsübernahme. Und für soziales Engagement steht hier im Viertel eine Person ganz besonders: Ursula Beyler-Jertz, GWH-Abteilungsleiterin für Immobilienmanagement. Seit Jahren setzt sie sich ein, zeigt vor Ort Gesicht. „Heute ist es ein tolles Gefühl, hier durchzugehen: Es ist grün, es ist bunt, es ist ruhig – es ist einfach erholsam.“ Welche Verantwortung trägt ein Vermieter über das Vermieten von Wohnungen hinaus? Beyler-Jertz: „Es geht auch um das Umfeld, um das Quartier an sich. Wie ist das Quartier gestaltet? Da ist schon eine große Verantwortung dahinter, dass man den Mietern und Mieterinnen eine gewisse Lebensqualität bietet und auf Wünsche eingeht.“
Gleichzeitig nennt Ursula Beyler-Jertz Voraussetzungen, die eine Wohnungsgesellschaft braucht, um Veränderungen anzustoßen: Es braucht „klare Rahmenbedingungen, gute Förderprogramme und eine konstante Zusammenarbeit, um gemeinschaftlich viele Dinge in einem Quartier wie dem Schelmengraben bewegen zu können.“
Der dritte Baustein ist die im Schelmengraben deutlich sichtbare Gestaltung der Außenbereiche. Mitverantwortlich für deren Gestaltung ist Erik Hanf. Der Gartenarchitekt und Landschaftsplaner begleitet im Auftrag der GWH das Quartier seit 2014. Kann Architektur bei sozialen Problemen helfen? „Ja, davon bin ich überzeugt.“
Sein Rezept: „Wir haben große Spielplätze, aber auch viele Orte, an denen kleine Begegnungen stattfinden können.“ Fußballcourts, Boule, Schach, eine Sitzfläche extra für die Senioren aus der Altenwohnanlage. Kommt das an? „Sehr gut. Nach der Schule sind hier 40, 50 Kinder auf einem Spielplatz – das sieht man sonst selten.“ Für Hanf ist der Schelmengraben das beste Beispiel dafür, wie ein durchdacht gestaltetes Umfeld für ein konfliktfreies Miteinander sorgen kann.
Ein Quartier als Modell für andere
Leonie Gröning vom InWIS Institut forscht zu sozialen Herausforderungen im Wohnungsbau. Das „Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung“ in Bochum erforscht seit über 30 Jahren die Entwicklung von Quartieren. Vom Begriff „Problemviertel“ hält die Wissenschaftlerin wenig: „Wir nutzen eher die Begriffe ‚herausforderndes‘ oder ‚überfordertes Quartier‘. Es geht darum, dass mehrere Belastungen sich überlagern und eigene Bewältigungsmöglichkeiten fehlen.“
Das Muster der Entstehung eines solchen Viertels kennt sie gut: „Wer preisgünstigen Wohnraum hat, zieht Familien mit wenig Einkommen an. Wer sich’s leisten kann, zieht wieder weg.“ Genau das trifft heute auf viele Großsiedlungen zu – zurück bleiben oft jene mit den wenigsten Alternativen, auch viele Ältere. Und sie bestätigt, wie wichtig das Wohnumfeld ist: „Wenn ich mich hier wohlfühle, interagiere ich anders im Quartier. Das ist für das nachbarschaftliche Zusammenleben sehr wertvoll.“ Doch auch die Wissenschaftlerin zieht eine klare Grenze: „Die Wohnungswirtschaft kann keine Sozialpolitik machen.“ Aber als Anker im Quartier könne sie viel bewegen – wenn Politik und Kommune sie stärker einbinden.